Priv.Doz.Dr. Thomas Nau beantwortet Fragen zum Thema Kreuzbandverletzungen beim Kind

Wie häufig sind Verletzungen des vorderen Kreuzbandes bei Kindern?
Prinzipiell geht man heute davon aus, dass durch die frühe Teilnahme am Leistungssport, daraus resultierende Verletzungen im allgemeinen, und auch Verletzungen des vorderen Kreuzbandes im speziellen, heute bei Kindern und Jugendlichen wesentlich häufiger sind als noch vor wenigen Jahrzehnten. Zusätzlich stellen die modernen diagnostischen Verfahren, wie die MRT, zusätzliche Hilfsmittel dar, die noch vor 20 oder 30 Jahren nicht in solch flächendeckendem Ausmaß zur Verfügung gestanden haben. Leider sehen wir auch heute immer wieder, dass derartige Verletzungen im Kindes- und Jugendalter entweder bagatellisiert oder gar nicht erkannt werden, so dass genaue Zahlenangaben nicht wirklich gemacht werden können.

Bei meinem Kind wurde eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes festgestellt. Was sollen wir tun?
Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft sollten Rupturen des vorderen Kreuzbandes auch im Kindes- und Jugendalter operativ versorgt werden. Die nichtoperative Behandlung dieser Verletzungen zeigte in vielen Studien nicht nur die bei weitem schlechtesten klinischen Ergebnisse, auch traten Folgeschäden an Menisken und Gelenksknorpel auf. Gerade diese Folgeschäden gilt es unbedingt zu vermeiden, da sie nicht nur schwer rückgängig zu machen sind, sondern auch negativen Langzeiteinfluss auf die Karriere der jungen Sportler haben.

Wie wird denn bei Kindern operiert? Verwendet man die gleichen Techniken wie bei Erwachsenen?
Auch im Kindes- und Jugendalter kommen in der Regel Bandersatzoperationen zum Einsatz. Das heißt, es wird aus körpereigenem Sehnengewebe ein neues Kreuzband geformt und dieses in das Kniegelenk eingesetzt. Die Sehnen stammen zumeist von der Beugeseite des Oberschenkels, manchmal auch von der sogenannten Patellasehne an der Streckseite des Kniegelenks.

Besteht bei solchen Operationen nicht die Gefahr, dass die Wachstumsfugen verletzt werden und mein Kind dadurch bleibende Schäden davontragen kann?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Bei Kindern, vor dem Eintritt in die Pubertät, wird eine Technik angewendet, bei der die Wachstumsfugen ausgespart werden, das heißt, es werden die Wachstumsfugen dabei chirurgisch nicht verletzt. Dies ist ein sehr komplizierter Eingriff und wird nur von wenigen Chirurgen durchgeführt. Die Ergebnisse sind jedoch ausgezeichnet und es kommt zu keinen Wachstumsstörungen. Bei älteren Kindern und Jugendlichen werden die gleichen Techniken wie bei Erwachsenen angewendet.

Können wir nicht warten, bis mein Kind ausgewachsen ist und dann die Operation machen?
Diese Strategie war bis vor kurzem noch sehr weit verbreitet, aufgrund der oben erwähnten Angst vor Wachstumsstörungen. In vielen Studien konnte jedoch gezeigt werden, dass vor allem die Langzeitergebnisse wegen der auftretenden Folgeschäden an Meniskus und Knorpel nicht zufriedenstellend sind. Die heutige Evidenzlage spricht eindeutig für die möglichst frühzeitige chirurgische Versorgung.

Priv.Doz.Dr.Thomas Nau
Facharzt für Unfallchirurgie
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